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synthesis für Sie

Unternehmerbrief Juni 2015

 


Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

jetzt hat es auch mich erwischt, und zu meinen Gunsten kann ich höchstens anführen, dass ich mich lange – mein Umfeld meint zu lange - gewehrt habe: Ich erlag den eindringlichen, zahlengestützten Worten eines Herrn am Telefon und bin jetzt Besitzer und Nutzer eines Smartphones. Erste Suchtgefühle stellen sich bereits ein: Man könnte doch mal unterwegs eben die Mails checken; weshalb eine Karte wenn es auch ein Navigationssystem auf dem Handy gibt, SMS gehen ja jetzt viel schneller als auf dem alten Telefon, auch der Griff in die Tasche nach dem Gerät im 2-Minutentakt ist schon recht geübt ... Ich kann jetzt die Tagesschau zu jedem mir beliebigen Zeitpunkt sehen und könnte mit meinen Söhnen, auch wenn sie am anderen Ende der Welt sind, in Echtzeit Schach spielen. Schon bald – soweit reicht selbst meine Phantasie – wird das Gerät mein Portemonnaie ablösen, und ob es mir heute gut geht oder nicht, wird mir auch mein Smartphone (und nicht mehr nur mein Gefühl) sagen.

Ortswechsel: „Leider ertrinken wir heute in Daten und verhungern wegen mangelnder Weisheit.“ Dieser Satz wurde Anfang Juni des Jahres von Arianna Huffington (Huffington Post) anlässlich ihres Vortrages im Journalistenclub des Springer Verlages vor 120 Investoren und Unternehmern, die bei der NOAH Konferenz auftraten, gesagt. Es fehlt also oft nicht an Informationen sondern daran, diese Menge zu sortieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Aussage von Frau Huffington entspricht in vielen Teilen auch meinen Beobachtungen in Unternehmen: Ständig werden von Mitarbeitern und Führungskräften Mails empfangen, gecheckt und meist beantwortet, SMS gelesen und verschickt, Multitasking geübt, indem das Smartphone neben dem PC liegt und der Blick des Nutzers ständig hin und her geht, um die Informationen aus beiden Quellen aufzunehmen (und vielleicht auch zu verarbeiten). Das angeschaltete Smartphone liegt bei Gesprächen mit Kollegen auf dem Tisch und wird durch Seitenblicke mit Aufmerksamkeit bedacht, was zumindest von dem so handelnden als normal und nicht als Unhöflichkeit gegenüber dem Gesprächspartner gewertet wird. Als Unart – das aber nur am Rande – empfinde ich es, wenn während einer Sitzung die Gesprächspartner gegoogelt werden. Merken diese Menschen nicht, wie abhängig sie sich von im fernen Kalifornien aufgestellten Algorithmen abhängig machen? Welche Rolle spielt noch der persönliche Eindruck, und ist jemand, über den nichts (oder Falsches) in Suchmaschinen zu finden ist, nichts wert?

Manchmal habe ich auch den Eindruck, dass die Kommunikationstechnik einem hie und da Probleme und Fragestellungen verschafft, mit denen man ohne eben diese Technik gar nicht in Kontakt gekommen wäre, wie z.B. auch durch das „Cc“-Unwesen. Die Reaktionszeiten auf Fragen oder Anforderungen, die zu Zeiten des Informationsaustausches per Brief oft mehrere Tage betrugen, haben sich über Fax und Mail ständig verkürzt und werden weiter durch die Nutzer selbst komprimiert, indem sie versuchen, über mehrere Medien möglichst gleichzeitig zu kommunizieren. Denn schon lange reicht es nicht mehr, nur über einen Kanal zu kommunizieren, wer dabei sein will, muss gleich mehrere Fenster im Auge behalten. Das „Wie, Du bist nicht bei WhatsApp“ hat mir – das gebe ich zu – schon zugesetzt, und schon bald könnte bei mir die nächste Schranke fallen. Damit setzen wir uns auch dem Druck aus, ständig zwischen den Sachverhalten hin und her springen zu müssen, was dazu führt, dass der einzelne Sachverhalt nur noch oberflächlich und nicht in der erforderlichen Tiefe betrachtet wird. 

Die Informationsmenge bzw. -vielfalt und Dichte, gewonnen aus mehreren Medien, verlangt neben der Aufmerksamkeit für deren Aufnahme weitere Energie, um sich durch sie hindurch zu finden und das für die jeweilige Fragestellung relevante herauszufiltern. Häufige Konsequenz: Die von Informationsmenge einerseits und Zeitdruck andererseits beeinflussten Handlungen und Entscheidungen sind oft qualitativ nicht besonders hochwertig (und können es aufgrund der Menge auch nicht sein) und führen zu weiteren Handlungsschleifen, die man sich mit etwas mehr Gründlichkeit und Ruhe hätte ersparen können. So geht der gewonnene Zeitvorteil wieder verloren, Stress und Belastung bleiben oder nehmen sogar noch zu.

Nun höre ich schon die Stimmen, die sagen: „So ist das eben im (Führungs-) Alltag“ oder „als Fachmann ist man eben gefragt“ oder „Der Kunde/Chef/Mitarbeiter/Kollege verlangt das eben von mir“ oder „Das ist bei uns so, dem kann sich keiner verschließen“ oder „Wenn wir nicht ständig erreichbar sind, verlieren wir den Kunden und der Wettbewerb gewinnt“ und viele andere Aussagen dieser Art. Nie habe ich übrigens bislang gehört: „Das macht man eben so, wenn man jemand sein und dazugehören will!“. Aber auch den Vorwurf der Technologiefeindlichkeit durfte ich mir schon mehrfach anhören, wenn ich mich kritisch zu dieser Art der Mediennutzung äußerte. Um was geht es also wirklich, wo ist denn nun die von Arianna Huffington angesprochene Weisheit (wieder) zu finden?

Der Gruppe derer, die meinen, dass das eben so sei und verlangt werde, möchte ich gerne die folgende Frage stellen: Wie wahr ist das und inwiefern sind wir wirklich Getriebene der Umstände – oder machen wir uns nicht auch ein Stück weit selbst dazu? Und: Wie können wir wieder selbst zu Treibern werden? Hinsichtlich der Kommunikationstechnik erhebt sich die nächste Frage: Haben Sie die Technik oder hat die Technik Sie? Sind Sie „Täter“ und machen sich die Technik untertan, oder sind Sie „Opfer“ und lassen sich von der Technik bestimmen? Wenn Sie ehrlich abends einen Strich unter ihr Tagegeschehen ziehen, inwieweit können Sie dann von einem tatsächlichen qualitativen Zuwachs an Produktivität aufgrund des Einsatzes der Ihnen zur Verfügung stehenden Kommunikationstechnik bei sich sprechen? Meine Beobachtungen im Alltag von Unternehmen und (nicht nur) Führungskräften gehen mehr in die Richtung, dass diese oft ungeheuer fleißig, aber nicht immer besonders produktiv sind. Wenn der menschliche Geist sich nicht mehr in der gebotenen Tiefe auf die Sachveralte einlassen und diese durchdringen kann, sind meist qualitativ fragwürdige Entscheidungen und Handlungen die Folge. Oder man geht kleine Schritte, wo auch große möglich gewesen wären, weil man die großen nicht erkennt oder sie nicht überblickt. Die Möglichkeiten der Technik werden in rasantem Tempo weiter entwickelt, der Mensch ist meiner Meinung nach in seiner Aufnahme und Verarbeitungskapazität endlich. Zwar haben auch wir uns alle in unseren mentalen Bereichen weiterentwickelt und können an Sachverhalte anders und schneller herangehen als die Generation zuvor. Dennoch hat der menschliche Geist Grenzen, wie auch in ein Gefäß mit Volumen 1 Liter eben nur 1 Liter passt. Eine mögliche Abwehr- und Überlebensstrategie im Umgang mit der Informationstechnik ist dann, einfach nicht mehr ans Telefon zu gehen oder Mails nicht zu beantworten. Genau das beobachte ich in meinem Kundenumfeld immer häufiger. Gelegentlich passiert es auch, dass „aus Versehen“ der ganze Mailaccount gelöscht wird. So wird dann das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Besser wäre es, zum einen sehr überlegt selbst Informationen zu versenden bzw. mit z.B. Mitarbeitern festzulegen, welche Informationen man geschickt haben möchte und in welchem Format, und andererseits zu lernen, sehr schnell und konzentriert und zu definierten Zeitpunkten erhaltene Informationen zu selektieren. Denn wenn wir unsere individuellen mentalen Leistungsgrenzen nicht ausloten und akzeptieren, werden unsere Handlungen und Entscheidungen nicht tief-gängiger, sondern flacher, und von Weisheit ist dann nicht viel zu finden. „Von allem etwas, aber nichts richtig“ kann dann die Folge sein.

Den mir gemachten Vorwurf der Technologiefeindlichkeit habe ich ja jetzt durch die eingangs erwähnte Anschaffung eines Smartphones bereits nachweisbar entkräftet, und allen, die noch nicht bei uns im Büro waren, kann ich versichern, dass auch hier nicht in Steinplatten gemeißelt wird, sondern neue Computer im Einsatz sind! Es geht auch nicht um Technologie-feindlichkeit, denn die Technik ist da, wird ständig weiterentwickelt und ich glaube, dass alle, die nicht ein Einsiedlerleben bevorzugen, sich ihr nicht verschließen können. Wobei ich schon davon gehört habe, dass auch Ein-siedler nicht technikfrei sind ... Es geht darum, dass jeder die Technologie so nutzt, dass sie für ihn als Individuum den optimalen Nutzen stiftet. Es geht auch darum, sich nicht auch noch emotional von der Technik abhängig zu machen, in der Sache sind wir es leider oft schon: Haben Sie mal Ihr Handy verloren oder wurde Ihnen schon mal der PC entwendet? Oft frage ich mich und andere: Gab es ein Leben vor dem Handy, und wenn ja, wie haben wir das bloß bewältigt? „Ohne mein Handy kann ich nicht leben“ ist nicht nur eine Aussage von jungen Leuten. Wenn ich die Kommunikationsintensität über Handy oder soziale Medien beobachte, frage ich mich, wie gut manche Menschen noch den wirklichen, realen Kontakt von Angesicht zu Angesicht und ohne Technik gestalten können.

Ich habe gehört, dass bei VW an den Produktionsstandorten in Deutschland ab 18.00 Uhr Server abgeschaltet werden und so für einen größeren Teil der Beschäftigten die dienstliche Kommunikation über Smartphone und PC unterbrochen wird, um sie auf diese Weise zum persönlichen Abschalten zu zwingen. Als Idee gut, in der Realität wird das „Problem“ des Abschaltens aber mit Hilfe privater Medien von vielen Beschäftigten umgangen. Um von der Opfer- in die Täterrolle zu kommen und nachhaltige Veränderungen hin zu einer sinnvollen Techniknutzung zu bewirken, helfen weniger Zwangsmaß-nahmen, sondern (wieder einmal) nur Einstellungsveränderungen. Diese werden dann wirksam, wenn die Frage: „Was habe ich privat/beruflich davon, wenn ich mich zur Frau/zum Herrn über die Technik aufschwinge?“ individuell sinnvoll beantwortet wird. Und diese Antworten müssen belastbar sein, sonst klappt es wieder nicht. 

Belastbar sind diese Antworten, wenn der Nutzen den Aufwand übersteigt, wenn das, was ich bekomme, die Aufgabe von Gewohnheiten und den Kampf um Freiheiten wert ist. Für den beruflichen wie den privaten Bereich empfehle ich dafür den Gedanken an die „Hebelaufgaben“, den ich von Stephen Covey übernommen habe, der auch bei Umgang mit Kommunikationstechnik und Selektion/Bewertung von Informationen helfen kann. Hierbei geht es darum, herauszufinden, welche Handlungen den Kern des Problems/der Fragestellung treffen und durch deren Ausführung eine nachhaltige Lösung bewirkt wird. Sie lauten etwa so:

  • Welche Tätigkeit – vor allen anderen – hätte Ihres Wissens nach, wenn Sie sie hervorragend und konsequent ausüben würden, bedeutende positive Folgen für Ihr Privatleben?
  • Welche Tätigkeit – vor allen anderen – hätte Ihres Wissens nach, wenn Sie sie hervorragend und konsequent ausüben würden, bedeutende positive Folgen für Ihr Berufsleben?

 

 

Nehmen Sie ein Blatt oder einen PC oder ein Tablet und schreiben Sie auf, was Ihnen dazu einfällt. Eine Tätigkeit allein wird es nicht sein, aus Gründen der Leistungsfähigkeit sollten Sie sich auf nicht mehr als 3 zur gleichen Zeit konzentrieren. Generell ist es hilfreich, sich diese Denkweise bei allen beruflichen und privaten Fragestellungen zu eigen zu machen: Was ist der Kern der Fragestellung, ggf. wie ist sie entstanden und was kann ich machen, um eine nachhaltige und stabile Lösung so herbeizuführen, dass die Fragestellung möglichst nie wieder auftaucht? Auf jeden Fall schaffen Sie sich mit Ihren Antworten Attraktoren, die es Ihnen erleichtern werden, sich aus den tatsächlichen oder vermeintlichen Zwängen ein wenig zu befreien. Sie werden damit auch (wieder) Ihre Lebensqualität steigern und den Stress reduzieren. Stephen Covey hat zu diesem Kontext noch einen sehr weisen Satz formuliert: Weil wir nicht tun, was wichtig ist wird alles dringlich!

Werden Sie zur Frau/zum Herrn über Ihre Technik. Selektieren Sie, strukturieren Sie, nehmen Sie sich Zeit und finden Sie wieder einen Zugang zu Ihrer Weisheit. Wir helfen Ihnen gerne – denn wir wissen, wo der Knopf zum Ausschalten der Geräte ist! In diesem Sinne wünschen wir Ihnen auch einen schönen Sommer mit erholsamem Urlaub – und sehr überlegter Nutzung von Smartphone, Tablet & Co!

Auf der Suche nach Ihrem ganz persönlichen „Zugang zur Weisheit“ stehen wir von synthesis Ihnen gern zu Gesprächen zur Verfügung.

Herzliche Grüße

Thomas Zimmermann

und das Team von synthesis

Juni 2015